Frauen fordern Umbruch im Gesundheitssystem

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„Jetzt reden wir!“ – Unter diesem Titel ergreifen namhafte Frauen in einem neuen Buch das Wort und zeigen, wie und warum die fortwährende Ungleichheit im Gesundheitswesen abgestellt werden muss.

„Ich halte das Thema Frauengesundheit für eine der größten Krisen des 21. Jahrhunderts“, sagt Helene Prenner, studierte Gesundheitsökonomin und Projektmanagerin bei der ELGA GmbH. Sie ist eine jener renommierten Frauen, die in dem neu erschienenen Buch „Jetzt reden wir! Wie Frauen das Gesundheitssystem neu denken“ ihre Stimme erhebt: gegen die bestehenden – und durchwegs männerdominierten – Hierarchien, gegen Ungleichheiten bei Bezahlung, Karrierechancen und adäquater medizinischer Versorgung. Denn: Eine Strategie zur Gender Medicine ist weit und breit nicht in Sicht. „Wir müssen es endlich schaffen, mehr als die Hälfte der Menschheit gut medizinisch abzubilden und die Versorgung gleich gut zu gestalten wie für Männer“, fordert denn auch Alexandra Kautzky-Willer, erste Professorin für Gender Medicine in Österreich und aktuell Leiterin der klinischen Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel am AKH Wien.

Frauen stellen nicht nur die halbe (Welt)bevölkerung – sie repräsentieren auch rund 80 Prozent der Beschäftigten im österreichischen Gesundheitssystem. Allerdings: „Sie arbeiten oft an der Basis, kennen den Alltag und die Herausforderungen aus der tagtäglichen Praxis. Die Entscheidungen treffen dagegen meist immer noch Männer – sie sitzen in den Führungsetagen der Institutionen, Spitäler, der Medizin und der Industrie“, lautet der Befund zu Beginn des 180 Seiten dicken Buches. Eines von vielen Beispielen: Knapp 90 Prozent der Spitalsprimariate sind von Männern besetzt.

Diesem Ungleichgewicht wollen die Autorinnen, selbst seit vielen Jahren an vorderster Stelle in unterschiedlichen Positionen im Gesundheitswesen tätig, entgegenwirken: Susanne Erkens-Reck, seit 2020 Geschäftsführerin von Roche Austria, Evelyn Holley-Spiess, eine versierte Gesundheitsjournalistin, die unter anderem auch Kommunikationschefin der ehemaligen Wiener Gebietskrankenkasse war, und Katrin Grabner, Mitarbeiterin des Redaktionsbüros „Gesund kommunizieren Media“. Sie haben in Interviews mit Ärztinnen, Wissenschaftlerinnen, Politikerinnen, Unternehmerinnen und Meinungsführerinnen aus den unterschiedlichsten Bereichen im Gesundheitswesen gesprochen. Parallel dazu wurden hundert Entscheidungsträgerinnen zu einer Umfrage eingeladen.

Was sich quer durch alle Kapitel zieht: Während die (Männer-)Politik primär von Kosten und Zahlen geprägt ist, würde es für die Zukunft eines effizienteren und damit im Endeffekt auch kostengünstigeren Gesundheitssystems vor allem auf das Heben zumeist ignorierter Ressourcen ankommen. Dringend notwendig wäre unter anderem die Konzentration auf Prävention, das Ermöglichen eines gleichen Zugangs zu Gesundheitsleistungen und die Berücksichtigung und Förderung der in dem System entscheidenden Personengruppe, der Frauen. So gaben in der begleitenden Umfrage beispielsweise fast 90 Prozent der Frauen in Entscheidungspositionen im Gesundheitswesen an, dass die derzeitigen Arbeitsabläufe auf jeden Fall oder eher dafür sorgten, „dass Geschlechterrollen noch verstärkt werden“.

Michaela Fritz, Vizerektorin der MedUni Wien, wiederum betonte in ihrem Interview die starke Bedeutung des sozialen Status bezüglich des Zugangs zum Gesundheitssystem: „Denn ein weiteres Thema ist, dass Frauen in Österreich trotz höherer Lebenserwartung weniger Jahre in Gesundheit leben als Männer – Österreich liegt hier sogar unter dem EU-Durchschnitt. Erstaunlicherweise gibt es hier auch Bundesländerunterschiede und auch zwischen Gemeinden oder in Wien zwischen den Bezirken. Der Postal Code ist wichtiger als der genetische Code – das ist beschämend für ein reiches Land wie Österreich.“

Die Lehren aus der Pandemie müssten laut der Politologin Barbara Prainsack jedenfalls nachhaltig gezogen werden: „Wir sehen in unseren Studien immer wieder, dass die Menschen das merken, wenn Solidarität gepredigt und zugleich nach anderen Werten gehandelt wird. Und das wirkt durchaus vertrauensschädigend. Noch größeren Schaden nimmt das Vertrauen allerdings, wenn Menschen das, was sie brauchen, nicht mehr bekommen. Wenn jemand für sein Kind dringend einen Facharzttermin braucht, etwa mit einem psychischen Problem, und mit wochenlangen Wartezeiten konfrontiert ist. Und wenn man gesundheitliche Probleme nicht zeitgerecht behebt, werden sie schlimmer und auch kostenintensiver.“ Das Sicherstellen von mehr Gesundheitskompetenz des Einzelnen, das Überwinden von Gender-Grenzen, Prävention und – endlich – auch die Eindämmung der Fragmentierung des österreichischen Gesundheitswesens zwischen Spitalsmedizin, niedergelassenem Bereich und Pflege werden von den Expertinnen als Ziele ganz nach oben gereiht.

Die Vorstellung des Buches fand diese Woche in der Residenz der Schweizer Botschaft in Wien statt. Sozial- und Gesundheitsminister Johannes Rauch (Grüne) fand bei der anschließenden Podiumsdiskussion mit der Schweizer Kardiologin Carolin Lerchenmüller und Susanne Erkens-Reck, klare Worte und sprach sich eindrücklich für eine Quotenregelung aus. „Bücher, die Frauen im Gesundheitswesen eine starke Stimme geben, sind wichtig, um Bewusstsein für die bestehenden Ungleichheiten zu schaffen“, formuliert es der Gesundheitsminister. „Wir müssen alle gemeinsam an einem Gesundheitssystem arbeiten, das für alle bestmögliche Versorgung bietet.“ (red)

Details zum Buch: „Jetzt reden wir! – Wie Frauen das Gesundheitssystem neu denken“ Susanne Erkens-Reck, Evelyn Holley-Spiess, Katrin Grabner Ampuls-Verlag; ISBN: 978-3-9505385-3-3; 180 Seiten, 29,90 Euro