Das politische Spiel mit den großen Zahlen

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Immer wieder werden Zahlen aus dem Gesundheitswesen gezielt für politische Debatten manipulativ eingesetzt. Bei genauer Betrachtung sind die Fakten dann meist andere.

Die SPÖ sieht das Gesundheitssystem durch die Kassenzerschlagung verschlechtert und wettert wieder einmal gegen Wahlärzt:innen. Denn deren Inanspruchnahme und deren Rechnungen steigen massiv. Angeblich. Gleichzeitig werden wichtige Entwicklungen im Gesundheitswesen übersehen. Die SPÖ sieht sich laut jüngsten Medienberichten durch eine Anfragebeantwortung des Gesundheitsministeriums in ihren Warnungen bestätigt, dass sich Österreichs Gesundheitssystem seit der „Zerschlagung der Gebietskrankenkassen-Struktur unter der schwarz-blauen Bundesregierung“ verschlechtert habe. So habe sich die Zahl der Wahlarztrechnungen seit 2019 in einigen Fächern verdreifacht, Wartezeiten auf Arzttermine hätten sich verlängert.

Bei den Hausärzt:innen stiegen die Refundierungsanträge zwischen 2019 und 2022 von 46.358 auf 143.890, eine Beinahe-Verdreifachung gab es auch bei den Gynäkolog:innen von 98.705 auf 279.443. Bei Kinderärzt:innen stieg die Zahl von 36.060 auf 87.354. Alarmiert zeigten sich die SPÖ und einige Medien auch über eine in der Anfragebeantwortung erwähnte Untersuchung der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) aus dem Jahr 2023, wonach die Wartezeit auf einen Allgemeinmedizin-Termin im Median zwar nur zwei Tage beträgt, es bei der Gynäkologie aber 28 Tage sind.

All das ist aber nur eine Seite der Medaille: denn jährlich gibt es in Österreich rund drei Milliarden e-Card-Steckungen. Die Wahlarztrechnungen sind somit nur ein Mini-Anteil. Und das bleiben sie auch, wenn wie oft diskutiert, nur ein geringer Teil der Rechnungen bei den Kassen eingereicht werden. Im Gesundheitswesen sind aufgrund seiner Größe auch kleine Anteile absolut große Zahlen. Was mehr Anlass zur Debatte geben sollte, sind deshalb das Wachstum des Systems und die Inanspruchnahme insgesamt. Im Jahr 2006 gingen die damals 7,9 Millionen Versicherten im Schnitt 11,5 mal pro Jahr in eine ärztliche Ordination. Im Jahr 2022 gab es bereits 8,9 Millionen Versicherte und die gingen durchschnittlich 14,5 mal pro Jahr zum Arzt. Das hat am Freitag der Dachverbandsvorsitzende Peter Lehner vorgerechnet mit den Hinweis, dass Gesundheitsreformen, wie die jüngste kein einmaliges Ereignis sind, sondern eine permanente Herausforderung, weil sich auch die Medizin und das System ständig weiterentwickeln. Dem ist nichts hinzuzufügen. Und es betrifft alle, die im Gesundheitswesen arbeiten. (rüm)